Die Familie Guillemot war ursprünglich im landwirtschaftlichen Handel tätig, erweiterte ihr Geschäftsfeld im Jahre 1986 allerdings um den Vertrieb von Computerhardware und -software, Videospiele inbegriffen. Gegründet wurde Ubisoft von den fünf Brüdern Yves, Claude, Michel, Gérard und Christian; Yves Guillemot ist bis heute CEO des französischen Unternehmens.
Nachdem Ubisoft in den späten Nullerjahren durch das erste "Assassin’s Creed" (2007) zu einem der weltweit wichtigsten Akteure der Branche aufgestiegen ist, waren die letzten Jahre von einer Reihe kostspieliger Flops geprägt: Das Piratenspiel "Skull & Bones" war über sieben Jahre lang in Entwicklung und hat Insidern zufolge Produktionskosten von über 200 Millionen Euro angehäuft, nur um von Gamern gleichgültig zur Kenntnis genommen zu werden.
Ubisoft-Aktie: Vom Corona-Hoch zum Allzeittief
Ähnlich aufwändig entwickelte Lizenztitel wie "Avatar: Frontiers of Pandora" oder "Star Wars Outlaws" blieben kommerziell ebenso hinter den Erwartungen von Ubisoft zurück. Längst hatte sich der mit Studios auf der ganzen Welt arbeitende Konzern den Ruf erarbeitet, Open-World-Games nach einer altbackenen Formel abzuliefern: Hübsch anzusehende Areale, die letztlich leblose Kulissen für das Abhandeln verschiedenster Quest- und Icon-Marker (und womöglich Microtransactions) sind.
Spiele, die Gamer mit der bloßen Menge ihrer Aufgaben möglichst lange an Pad oder Tastatur halten – idealer Content zu Zeiten einer Pandemie also. Entsprechend erreichte die Ubisoft-Aktie im Sommer 2020 Werte im unteren 80-Euro-Bereich, nur um im letzten Herbst, vor allem bedingt durch die eben erwähnten Fehlschläge, auf einen Tiefststand von rund zehn Euro zu sinken.
Für das ausgehende Geschäftsjahr erwartet Ubisoft einen Umsatz von etwa 1,95 Milliarden Euro, an denen das jüngst am 20. März veröffentlichte "Assassin’s Creed Shadows" einen erheblichen Anteil halten soll. Kulturelle Kontroversen zum Titel haben sogar Japans Premierminister Shigeru Ishiba zu Kommentaren veranlasst und wären einen eigenen Artikel wert, wichtig ist für den Moment aber vor allem: Wirtschaftlich betrachtet haben viele Beobachter die Zukunft von Ubisoft vom Abschneiden des Action-Adventures abhängig gemacht.
Erfolg von "Assassin’s Creed Shadows" zweitrangig für Tencent-Schritt
Allerdings war Ubisofts Zukunft schon vor der Veröffentlichung des vermeintlich allesentscheidenden Videospiels offenbar in trockenen Tüchern: Nur eine Woche nach dem Release von "Assassin’s Creed Shadows" haben die Franzosen einen wichtigen Schritt verkündet, der die die eigene "Transformation beschleunigen" soll.
Konkret: Nach einem "schon Anfang des Jahres eingeleiteten Auswahlverfahren" wird Tencent 1,16 Milliarden Euro für eine 25-prozentige Minderheitsbeteiligung an einer neuen Tochtergesellschaft investieren, die sich komplett auf die drei erfolgreichsten Marken von Ubisoft fokussiert – "Assassin’s Creed", "Far Cry" und "Tom Clancy’s Rainbow Six". Die Transaktion bewertet das Unternehmen insgesamt mit etwas über vier Milliarden Euro.

Das Studio von Ubisoft im kanadischen Montréal entwickelt ab jetzt für die neue Tochterfirma (Bild: Ubisoft / Dominick Gravel)
Die Gründung "unterstreicht den hohen Wert von Ubisofts IPs, stärkt die Bilanz erheblich und ermöglicht es dem Unternehmen, seine Bemühungen fortzusetzen, eine agilere Organisation zu werden, das volle kreative Potenzial seiner Teams zu entfalten und seine Ressourcen besser auf die sich ständig weiterentwickelnden Erwartungen der Spieler abzustimmen", wie es im Statement zur Sache heißt.
Die neue Tochtergesellschaft umfasst auch die Entwicklungsteams der drei Marken mit Sitz in Montréal, Quebec, Sherbrooke, Saguenay, Barcelona und Sofia, den Backkatalog sowie alle neuen Spiele, die sich derzeit in der Entwicklung befinden. "Assassin’s Creed", "Far Cry" und "Tom Clancy’s Rainbow Six" werden vom Mutterunternehmen an die neue Tochter lizenziert.
Guillemot und Lau kommentieren den Deal
"Wir sind entschlossen, eine schärfere, fokussiertere Organisation aufzubauen - eine, in der talentierte Teams unsere Marken auf die nächste Stufe bringen, das Wachstum aufstrebender Franchises beschleunigen und die Innovation bei Technologien und Dienstleistungen der nächsten Generation anführen werden; alles mit dem Ziel, bereichernde, denkwürdige Spiele zu liefern, die die Erwartungen der Spieler übertreffen und einen überragenden Wert für unsere Aktionäre und andere Interessengruppen schaffen“, schildert Ubisoft-CEO Yves Guillemot.
Seitens Tencent kommentiert Präsident Martin Lau: "Wir freuen uns, unsere langjährige Partnerschaft mit Ubisoft durch diese Investition zu erweitern, die unser anhaltendes Vertrauen in Ubisofts kreative Vision und außergewöhnliche Talente widerspiegelt, nachhaltige Erfolge in der Branche zu erzielen. Wir sehen das immense Potenzial für diese Franchises, sich zu langfristigen Evergreen-Spielplattformen zu entwickeln und fesselnde neue Erfahrungen für Gamer zu schaffen."

Ubisoft-Mitgründer und CEO Yves Guillemot führt auch das Tochterunternehmen an (Bild: Ubisoft)
Hinsichtlich der "langjährigen Partnerschaft" spielt Martin Lau darauf an, dass Tencent bereits 2018 bei Ubisoft eingestiegen ist und derzeit etwa zehn Prozent an der Mutterfirma hält. Daneben hält Tencent unter anderem 93 Prozent an Riot Games ("League of Legends"), 40 Prozent an Epic ("Fortnite", Unreal-Engine), 84 Prozent an Supercell ("Clash of Clans"), 13 Prozent an Krafton oder 100 Prozent an Funcom.
Die unmittelbaren und die absehbaren Folgen
Nachdem die Ubisoft-Aktie am Donnerstagmittag bei 12,59 Euro stand, ging sie am Freitagmorgen zeitweise auf 14,30 Euro, um sich zum Abend wieder bei 12,70 Euro einzupendeln. Die Reaktion der Investoren scheint zumindest vorsichtig optimistisch: Der Deal bringt frisches Kapital und signalisiert Stabilität durch Tencents Involvement, doch das Vertrauen in Ubisofts langfristige Erholung bleibt gedämpft.
Nicht zuletzt, da die bisherigen Probleme bleiben: Abseits seiner drei nun hervorgehobenen Franchises produziert Ubisoft zuletzt zu häufig Spiele, deren kommerzieller Erfolg nicht im Verhältnis zu den teils horrenden Produktionskosten steht. Unklarheit herrscht bislang allerdings, was mit den "nicht übernommenen" Teams und Marken passieren soll; darunter "Just Dance", "For Honor", die in Deutschland entwickelte "Anno"-Serie, "The Crew", "Watch Dogs" oder "Prince of Persia".

Noch ist offiziell ungewiss, ob, wann und in welchem Umfang das Ubisoft-Personal unter erhöhtem Tencent-Einfluss verkleinert wird (Bild: Tencent)
Aktuell beschäftigt Ubisoft rund 19.000 Personen auf der ganzen Welt, von denen viele nun unter der neuen Tochtergesellschaft arbeiten. Sowohl dort als auch beim Mutterkonzern dürfte es mittelfristig zu nennenswerten Stellenstreichungen kommen, um die erwähnten Bemühungen, "eine agilere Organisation" zu werden, umzusetzen.
Treffend zusammengefasst wird die Situation von Ubisoft wohl auf dem YouTube-Kanal LegendaryDrops, der daran erinnert, dass der Konzern keinesfalls gerettet ist: "Tencent ist der Kredithai, der gerade einem Spielsüchtigen Geld leiht. Wenn der sein Geld nicht zurückgewinnen kann - nun, dann krallt sich Tencent das Haus."
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