"KI-Übersicht" bei der Google-Suche
Frage, Klick, Antwort, fertig? Google startet mit KI-generierten Suchantworten in Deutschland und Österreich

Schon bemerkt? Google hat seine Internetsuche nun auch in Deutschland grundlegend verändert. Seit dieser Woche werden den Nutzer:innen sogenannte "KI-Übersichten" zuvorderst angezeigt – Zusammenfassungen, die direkt über den klassischen Suchergebnissen erscheinen und Fragen automatisch beantworten. Für Google ist das ein strategischer Schritt. Für viele andere eine Bedrohung.

"Das ist erst der Anfang", sagte Googles Such-Chefin Liz Reid bei der Vorstellung des neuen Produkts. Ziel sei es, den Zugang zu Wissen zu vereinfachen. "Heute können Sie viel besser natürliche Fragen stellen – die KI hilft bei der Antwort."

Die neue Funktion ist ab sofort in Deutschland, Österreich, der Schweiz und sieben weiteren EU-Ländern verfügbar – auf Deutsch und Englisch. Der Umbau folgt auf den weltweiten Rollout in den USA und anderen Märkten, den Google-Chef Sundar Pichai bereits 2023 angekündigt hatte. "Wir befinden uns an einem dramatischen Wendepunkt", sagte er damals.

Eine Milliarde Nutzer, ein neues Prinzip

Die klassische Suchmaschine mit Linkliste war über Jahrzehnte das Herzstück von Googles Geschäftsmodell – und Basis für eines der profitabelsten Werbesysteme der Welt. Allein 2023 trugen Anzeigen rund 265 Milliarden US-Dollar zum Umsatz des Mutterkonzerns Alphabet bei – knapp drei Viertel der Gesamterlöse. Nun aber beantwortet Google immer häufiger Fragen direkt – ohne dass Nutzende eine externe Website besuchen müssen.

Laut Analysen der Plattform SE Ranking wurde die neue Funktion im November 2023 bereits bei rund 19 Prozent aller US-Suchanfragen ausgespielt. Wie hoch die Quote in Europa sein wird, verriet Reid nicht. Klar ist: Google bleibt trotz wachsender Konkurrenz durch Microsoft und OpenAI der zentrale Akteur.

"Die weltweite Dominanz von Google bei der Suche macht das Unternehmen zum wichtigsten Akteur“, schrieb der KI-Experte Scott J. Mulligan in der Fachzeitschrift MIT Technology Review, die Googles KI-Suche zu den zehn wichtigsten Technologien des Jahres 2025 zählt.

Wenn aus Antworten keine Klicks mehr werden

Die neue Technologie verändert das Informationsökosystem im Netz. Lange galt ein stillschweigender Pakt: Google analysiert frei verfügbare Inhalte – und leitet im Gegenzug Besucher auf die Seiten der Anbieter weiter. Mit den KI-Zusammenfassungen droht dieser Mechanismus zu kippen.

"Es entfällt jeder Anreiz, noch zu irgendeiner Quelle durchzuklicken", warnt der Berliner Rechtsanwalt Thomas Höppner, der bereits Kartellklagen gegen Google begleitet hat, im Handelsblatt. Besonders Medienhäuser, Portale und Vergleichsseiten seien betroffen. "Verinnerlicht man sich, was das Ganze in der Praxis bedeutet, besteht doch Grund zu großer Sorge."

Ein konkretes Beispiel liefert das US-Portal Housefresh, das Luftfilter testet. Seitdem Google Produktempfehlungen direkt in der Suche anzeigt, sind die Zugriffszahlen dort massiv eingebrochen. Die Inhalte der Seite wurden von der KI erfasst – aber nicht mehr besucht.

Angst vor "Google Zero"

In der Branche kursiert bereits ein Begriff für das, was passieren könnte: "Google Zero" – also null Traffic von Google. Für Anbieter, die auf Reichweite und Werbeeinnahmen angewiesen sind, wäre das existenzbedrohend. Die Versprechen Googles, dass Originalquellen weiterhin sichtbar bleiben sollen, halten viele für unzureichend.

"Das Geschäftsmodell von Google mit Suchanzeigen wird zerstört", meint etwa Claudia Bünte, Professorin für Betriebswirtschaft an der SRH Berlin im Handelsblatt. "Bisher werden wir bei der Suche mit Werbung bombardiert – das ist vorbei."

Die Folge: KI-Agenten könnten zur dominierenden Informationsquelle werden. Bünte nutzt selbst kaum noch klassische Suchmaschinen. "Ich sehe es an mir selbst, ich suche nur noch mit Perplexity oder ChatGPT."

Der Gründer von Perplexity, Aravind Srinivas, geht noch weiter. Google könne längst Buchungsfunktionen und Serviceangebote direkt integrieren, tue es aber nicht, zumal sie sich weiter von den Airlines für Anzeigen bezahlen lassen möchten.

Google selbst sieht die Entwicklung weniger dramatisch. Analyst Mark Mahaney von Evercore ISI spricht von einem "ersten Schritt in ein neues KI-Zeitalter“. Die Nutzerbindung werde steigen – und damit auch das Potenzial, neue Werbeformate zu integrieren. Noch ist unklar, wie sich die Einführung der KI-Zusammenfassungen langfristig auf Inhalte, Geschäftsmodelle und Nutzerverhalten auswirkt. Sicher ist nur: Die Art, wie Informationen im Netz gefunden, sortiert und konsumiert werden, ist längst im Umbruch.

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